Vhs Volkshochschulverband
Volkshochschulverband
vhs Baden-Württemberg e. V.
Nachruf auf Dr. Günter Behrens (11.12.1946 - 13.07.2009)
Dr. Günter Behrens, langjähriger Fachreferent für politische und
kulturelle Bildung beim Volkshochschulverband Baden-
Württemberg, ist nach einjährigem tapferem Kampf in der Nacht
zum 13. Juli 2009 im Alter von 62 Jahren seinem schweren
Krebsleiden erlegen. Wir trauern um einen von allen
hochgeschätzten Kollegen und können es kaum fassen, dass er
nicht mehr unter uns ist.
Mehr als 30 Jahre lang – und sogar noch zu Beginn seiner
Krankheit – war Herr Behrens voller Elan und anscheinend
unermüdlich für die allgemeine und dabei insbesondere für die
politische und kulturelle Weiterbildung an Volkshochschulen im
Einsatz. Dies vor allem natürlich auf Landes-, aber auch auf
Bundesebene und immer wieder ganz persönlich direkt vor Ort.
Er hat in dieser Zeit die politische und kulturelle Bildung auf
Verbandsebene nicht nur aus bescheidenen Anfängen heraus entwickelt, aufgebaut und
ständig ausgeweitet, sondern sie auch überzeugend – „mit Kopf, Herz und Hand“ – verkörpert.
Fast sein gesamtes Berufsleben und sehr viel Zeit darüber hinaus hat er der
Volkshochschularbeit gewidmet, und zwar auf allen Ebenen: als Kursleiter, Moderator und
Vortragsredner an der „vhs-Basis“, als Fachreferent beim baden-württembergischen
Volkshochschulverband und nicht zuletzt als engagiertes Mitglied in zahlreichen Gremien auf
Landes- und Bundesebene. Sein Tod reißt an vielen Stellen schmerzliche Lücken, die sich –
wenn überhaupt – nur schwer werden schließen lassen.
Dr. Günter Behrens stammte unverkennbar aus Norddeutschland. Geboren wurde er am
11. Dezember 1946 in Wildeshausen, Kreis Oldenburg i. O. Er wuchs auf einem für diese
Gegend typischen Bauernhof auf und war von früher Kindheit an mit den harten Arbeits-
bedingungen in einem landwirtschaftlichen Betrieb vertraut; auch das hat ihn nachhaltig
geprägt. Nach der Grund- und der Realschule besuchte er das Gymnasium in Delmenhorst bis
zum Abitur im Jahr 1966. Anschließend ging er für drei Jahre zur Bundeswehr und führte
zuletzt als Zeitoffizier eine Fallschirmjägerkompanie in der Luftlandedivision. Als Hauptmann
der Reserve blieb er der Bundeswehr auch in den folgenden Studienjahren verbunden und
absolvierte regelmäßig entsprechende Lehrgänge und Wehrübungen. In dieser Zeit hat er
auch einige bedeutende sportliche Auszeichnungen erworben.
Von 1969 bis 1976 studierte Herr Behrens an der Universität zu Köln Philosophie, Theater-,
Film- und Fernsehwissenschaften sowie Politische Wissenschaften und schloss mit der
Promotion in seinem Haupt- und Lieblingsfach Philosophie ab. In seiner umfangreichen
Dissertation, die später auch in Buchform erschien, setzte er sich mit der sozialen Utopie des
Charles Fourier auseinander. Fragen der Sozialphilosophie, der Wissenschaftstheorie, der
Ästhetik und allgemein der Geschichte der Philosophie haben ihn Zeit seines Lebens bis in die
Volkshochschulen hinein beschäftigt.
Bereits 1976 sammelte Herr Behrens erste Erfahrungen in der Projektarbeit, als er unmittelbar
nach seiner Promotion einen Zwei-Jahres-Vertrag als hauptberuflicher Mitarbeiter in einem
Forschungsvorhaben der Deutschen Forschungsgemeinschaft erhielt. Dabei ging es um „die
Charakteristik des Dritten Reiches in der deutschen Literatur des Exils, der inneren Emigration
und des Nationalsozialismus“. Neben konzeptionell-organisatorischen Aufgaben bearbeitete er
die philosophischen, politologischen und massenpsychologischen Grundlagen der Thematik.
Parallel dazu übernahm er – ebenfalls an der Gesamthochschule Wuppertal –
einen Lehrauftrag im Bereich Medienwissenschaft und beschäftigte sich dabei schwerpunkt-
mäßig mit der Entwicklung des deutschen Films als Spiegel der politischen, ökonomischen
und sozialen Verhältnisse am Ende der Weimarer Republik. Hinzu kamen weitere zeit-
geschichtliche Vorträge und Wochenendseminare an der Volkshochschule Köln sowie eine
ganze Reihe von Aufsätzen und Rezensionen vor allem zu politischen und medien-
wissenschaftlichen Themen.
Aufgrund dieses facettenreichen Bildungs- und Ausbildungshintergrunds in Wissenschaft und
Forschung sowie seiner Erfahrungen in Unterricht und Lehre bei verschiedenen Zielgruppen,
gepaart mit zahlreichen lebenspraktischen Fähigkeiten, verwundert es nicht, dass sich Dr.
Günter Behrens mit Erfolg auf die neu geschaffene Stelle eines Fachreferenten für den
Bereich „Kulturelle Bildung/Allgemeinbildung/Medien“ beim Volkshochschulverband Baden-
Württemberg bewerben konnte. Am 1. Oktober 1978 begann er als damals dritter Fachreferent
(neben den beiden Kollegen für Berufliche Weiterbildung bzw. Sprachen) in der noch relativ
kleinen Geschäftsstelle in Stuttgart-Degerloch seine Tätigkeit und das von Anfang an mit der
für ihn typischen zielstrebigen Dynamik. Das blieb so – 30 ertragreiche Jahre lang. Im
Folgenden können nur schlaglichtartig einige Schwerpunkte aus seiner breiten und intensiven
Arbeit skizziert werden.
Ungeachtet der Stellenausschreibung war Herr Behrens in den ersten Jahren – bis zum
weiteren personellen Ausbau in der Geschäftsstelle – für fast alles Fachliche zuständig, was
im weitesten Sinne neben den Sprachen zur Allgemeinbildung an Volkshochschulen zählen
konnte. So kümmerte er sich beispielsweise auch um die angemessene Positionierung der
immer stärker nachgefragten Gymnastik- und Bewegungskurse gegenüber den Angriffen der
Sportvereine, führte neben Kooperationsgesprächen interne Fachtagungen sowie
Fortbildungsveranstaltungen für Kursleitende durch. Als Leistungs- und Ausdauersportler – u.
a. im Skilanglauf – und bis zu seiner Erkrankung leidenschaftlicher und in Wettkämpfen
erfolgreicher Tennisspieler mit jahrelanger Erfahrung als Tennisvereinsvorsitzender fand er
leicht und erfolgreich Zugang zu dieser Thematik.
Besonders aber lag Herrn Behrens der Ausbau der politischen Bildung als „unverzichtbares
Kernangebot“ der Volkshochschule am Herzen. In den 1970er- und 1980er-Jahren lagen die
Themen dafür geradezu „auf der Straße“: Aufarbeitung der deutschen NS-Vergangenheit,
Kalter Krieg und erste Entspannungsbemühungen, Entwicklungshilfe und Nord-Süd-Dialog,
Diskussionen über die Grenzen des Wachstums, Fragen von Vernunft und Verantwortung in
Naturwissenschaft und Technik, Politik und Gesellschaft und vieles mehr. Ihn interessierten
dabei besonders die notwendigen Brückenschläge zwischen den beteiligten Fachdisziplinen
und dies zusätzlich aus philosophischer und kulturgeschichtlicher Perspektive. Dazu
entwickelte er unzählige Materialien und Handreichungen für die vhs-Programmplanung, die er
regelmäßig auf Fachbereichs- und später Abteilungskonferenzen, auf Planungstagungen und
Fortbildungsveranstaltungen sowie in Form persönlicher Programmberatung weitergab.
Aufgrund der gewonnenen Erkenntnis, dass jede Zukunft eine lange Vergangenheit hat, war
es Herrn Behrens stets ein besonderes Anliegen, Tradition und Fortschritt miteinander zu
verbinden und vordergründigen Modernisierungsaktivitäten zumindest eine gewisse
wohldurchdachte und dezidiert begründete Skepsis entgegenzubringen. Auch vor diesem
Hintergrund hat er maßgeblich das Konzept orientierender vhs-Grundkurse mit historischer
Perspektive als wichtige Bausteine einer von ihm nachdrücklich vertretenen „Allgemeinbildung
als Schlüsselkompetenz“ entwickelt. Neben dem von ihm selbst verfassten umfangreichen
Grundkurs Philosophie („Philosophie unter den Wolken“) erschienen unter seiner Regie
entsprechende Kurskonzeptionen zur Kunstgeschichte, Literatur, Musik sowie zur allgemeinen
und Landesgeschichte.
Daneben wurden von Herrn Behrens Querschnittsthemen im Spannungsfeld zwischen Natur-
und Geisteswissenschaften für die vhs-Praxis aufbereitet, so u. a. in den 1980er-Jahren
Technikentwicklung und gesellschaftliche Utopien, in den 1990er-Jahren ethisch-moralische
Fragen der Bio- und Gentechnik. In der letzten Zeit ist die moderne Gehirnforschung mit ihren
Konsequenzen für das Lehren und Lernen in der Volkshochschule zu „seinem“ Thema
geworden („Wie kommt die Welt in den Kopf?“). Wie stets hat Herr Behrens dazu intensiv
recherchiert und die gewonnenen Erkenntnisse – fundiert, allgemeinverständlich, praxisnah
und dabei rhetorisch einprägend und zugleich unterhaltsam – in zahlreichen
Fortbildungsveranstaltungen und Workshops auf Landes- und Bundesebene sowie in
ausgearbeiteter schriftlicher Form weitergegeben. „Attraktiv und seriös zugleich“ war sein
Wahlspruch für ein qualitätvolles, erfolgreiches vhs-Programm. Dazu hat er nicht nur eine
Vielzahl von Konzepten und Planungshilfen entwickelt und den Volkshochschulen
nahegebracht, sondern diese oftmals auch selbst erprobt und aus der eigenen Praxis heraus
ständig modifiziert.
Dies gilt insbesondere für „seine“ Disziplin – die Philosophie. In mehrwöchigen Kursen und in
Einzelvorträgen, vor allem aber in Form der drei- bis vierstündigen kompakten „Langen
Abende“ mit Seminarcharakter hat er im Laufe der Zeit eine nahezu unendliche Fülle
philosophischer Themen – oftmals verbunden mit aktuellen Bezügen zu Politik, Gesellschaft
oder Wirtschaft – aufgegriffen und insbesondere an Volkshochschulen in nah und fern jeweils
mit großem Erfolg vermittelt. Das heute zum Angebotsstandard zählende
Veranstaltungsformat „Langer Abend“ ist seine originäre Erfindung und vielerorts bereits zu
einem unverwechselbaren „vhs-Klassiker“ geworden.
Neben seiner Tätigkeit als außerordentlich beliebter vhs-Kursleiter, gefragter Vortragsredner,
versierter Veranstaltungsmoderator und Diskussionsleiter blieb Herrn Behrens aus seinen
Studien- und Wissenschaftszeiten auch die ausgeprägte Freude am Formulieren von Texten
zu prinzipiellen Aussagen erhalten. An vielen Erklärungen und Grundsatzpapieren des
Volkshochschulverbandes hat er – zumeist sogar federführend – mitgewirkt: sie tragen
unverkennbar seine Handschrift. So hat es sich Herr Behrens noch bis kurz vor seinem Tode
nicht nehmen lassen, am Basistext zum Selbstverständnis der Volkshochschule für den neuen
vhs-Entwicklungsplan zu arbeiten. Diese Aufgabe wird nun leider ohne ihn, aber durchaus in
seinem Sinne, zu Ende geführt werden müssen.
Das gilt gleichermaßen für das im Frühjahr 2007 begonnene und noch bis 2010 dauernde,
auch bundesweit stark beachtete Programm „Neue Brücken bauen ... zwischen Generationen,
Kulturen und Institutionen“ – ein Eigenprojekt der Landesstiftung Baden-Württemberg, das der
Stärkung der Allgemeinbildung im Land dient. Die Idee sowie die Grundzüge dieses
umfangreichen Förderprogramms hat Herr Behrens entworfen; ohne seinen enormen
persönlichen Einsatz wäre es nicht in dieser erfolgreichen Form verwirklicht worden. Dies ist
vor allem seiner langjährigen Projekterfahrung zu verdanken, die sich immer segensreich
entfalten konnte. So insbesondere bei einem aus Bundesmitteln geförderten Bildungsprojekt
gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt sowie bei weiteren
Landesstiftungsprojekten wie u. a. zur Entwicklung kommunaler Lernzentren oder zur
Durchführung von Schreibwerkstätten an Schulen. Auch viele Kooperationsvorhaben wurden
oftmals von ihm ausgedacht, eingefädelt und anschließend begleitet, wie beispielsweise noch
im vergangenen Jahr mit dem baden-württembergischen Justizministerium über den Ausbau
von vhs-Bildungsangeboten in Justizvollzugsanstalten.
Außer diesen Aktivitäten betreute Herr Behrens die gesamte Abteilung Kultur - Gestalten, also
auch den mehr praktischen Angebotsbereich der künstlerischen und kunsthandwerklichen
Kurse, u. a. mit einem regelmäßigen Fortbildungsangebot für die Kursleitenden. Auch für
diesen Programmbereich formulierte er richtungsweisende Positions- und
Argumentationspapiere wie z. B. das zur Unverzichtbarkeit der kulturellen Bildung.
Sein enormes Arbeitspensum – innerhalb und außerhalb seiner Tätigkeit in der Verbands-
geschäftsstelle – erledigte Herr Behrens stets hochkonzentriert und scheinbar mühelos, immer
zielgerichtet und ergebnisorientiert, dabei stets zuvorkommend und freundlich sowie jederzeit
ansprechbar für tatkräftige Mithilfe im Büroalltag. Er sah sich selbst nur ungern im Mittelpunkt
und äußerliche Eitelkeiten waren ihm fremd; ihm ging es vor allem um die Sache. Sehr
geschätzt – manchmal aber auch wohl ein wenig gefürchtet – waren seine pointiert-kritischen
Stellungnahmen zu strittigen Fragen. Mit seinem philosophisch geschulten analytischen
Verstand versuchte er zumeist, im speziellen Einzelfall das Prinzipielle herauszuarbeiten, um
das Problem zu entschärfen. Dies geschah oft mit trockenem Witz und einem gewissen
Understatement. Herr Behrens war ausgesprochen meinungsfreudig, dabei jedoch eher
zurückhaltend und keineswegs streitlustig, sondern bevorzugte wie im guten philosophischen
Diskurs die sachliche, wertschätzende Auseinandersetzung in verbindlich-freundlicher
Atmosphäre, um gemeinsam Kompromisse zu finden, Konflikte zu entschärfen und sie nach
Möglichkeit zu lösen. Diese Fähigkeiten hat er vielfach erfolgreich und gewinnbringend für alle
Beteiligten einsetzen können.
Dr. Günter Behrens hatte noch nicht an einen – rein altersmäßig gesehen nicht mehr allzu
fernen – Ruhestand gedacht oder zumindest nicht darüber gesprochen. Er wollte sicher bis
dahin noch einiges vollenden und dabei vermutlich auch noch das eine oder andere voller
Energie neu anpacken – wie auch schon zuvor in den drei Jahrzehnten seines außerordentlich
verdienstvollen Wirkens in der Geschäftsstelle des Volkshochschulverbandes Baden-
Württemberg für die Volkshochschulen im Land und weit darüber hinaus. Es ist nun in
geradezu tragischer Weise ganz anders gekommen. In der ihm eigenen Art hat er seine
schwere Krankheit mit Mut, enormer Durchhaltekraft und viel Zuversicht ertragen und erduldet.
Er hat gehofft und gekämpft und konnte schließlich nicht gewinnen.
Unser tiefes Mitgefühl gehört seiner Frau, seinen Angehörigen, seinen Freunden.
Günter Behrens, unser langjähriger lieber Kollege, wird uns in jeder Hinsicht unvergessen
bleiben.
Für den Volkshochschulverband Baden-Württemberg:
Dr. Bodo Degenhardt